Sie ist keine von den Poptussen, die uns auf Viva und MTV mit ihren Titten entgegenwackeln. Sie kann singen, und das unglaublich gut. Auf ihren Fotos gibt sie sich kühl und gestylt, doch  ihre Stimme bringt Steine zum schmelzen und kann sich in punkto Eindringlichkeit ohne weiteres mit der von Aretha Franklin messen. 

'18 carat garbage' lautet der Titel ihres neuen Albums, das im April erscheint. So widersprüchlich wie der Titel, so vielschichtig und bemerkenswert ist auch die Persönlichkeit der Soulsängerin und Songschreiberin Billie Ray Martin.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  P Photo: Karin Kohlberg

 

 Photo: Karin Kohlberg

 

Mit Leib und Seele

 

Trotz ihrer internationalen Erfolge gilt sie hierzulande eher als Geheimtip. Ihre Seele ist weiß, ihre Stimme schwarz. Sie will nicht um jeden Preis gefällig sein, sie weiß was sie kann und gibt sich nicht mit dem Mittelmaß zufrieden. Von Anfang an hat sie alles auf eine Karte gesetzt, sich der Musik verschrieben, mit Haut und Haaren, mit Leib und Seele.

Aufgewachsen ist sie Hamburg St. Pauli. In den achtziger Jahren ging sie nach Berlin und mischte mit ihrer Soulband BILLIE & THE DEEP  die Szene auf.  In den deutschen Underground Clubs, wo bis dato der Punk dröhnte, hatte man das noch nicht gehört. Mit einer Sixties-Soulbeatband, unterstützt durch zwei schrille Backingsängerinnen und einer fetten Bläsertruppe, brachte sie mit ihrer extatischen Performance die Säle zum kochen. Doch der deutsche Musikmarkt war zu provinziell, um das Potential zu erkennen. Sie machte sich auf den Weg zur Wiege des Pop nach London. Dort erhielt sie nach kurzer Zeit das Angebot, die Gruppe S'EXPRESS mit ihrem Gesang zu unterstützen. Wenig später kam sie mit ihrer Electro-Trance Band ELECTRIBE 101 unter Vertrag und wurde schlagartig in der britischen Popszene bekannt. Der große Durchbruch gelang ihr 1995 in New York. Sie räumte in den U.S. Dance Charts mit dem No.1-Hit 'Your Loving Arms' ab. 

 

Zurück zu den Wurzeln

 

Die eigentlich anspruchsvolleren Soulbaladen hatten nicht die hohen Verkaufsergebnisse. Die Gesetze des Marktes sind hart. Die Schallplattenfirma verlängerte den Vertrag nicht, doch sie ließ sich nicht beirren.

Sie ist zurückgekehrt zu ihren Wurzeln und besinnt sich auf ihre eigene Kraft. 

Folglich war es an der Zeit einen Schritt zurück nach vorn zu machen. Sie hat die Rhythmusmaschinen teilweise eingemottet und den überwiegend elektronischen Arrangements den Rücken gekehrt. Mit einer Live-Band hat sie in Memphis ihre neuen Songs aufgenommen, ganz in der Tradition des Memphis Soul der sechziger und siebziger Jahre und zugleich überraschend zeitgemäß. Wenn sie nicht im Studio ist, gibt sie mit ihrem neugegründeten Chor BILLIE RAY'S GOSPEL CONNECTION Konzerte in Hamburgs St.Petri Kirche mit der direkten Freileitung nach oben. Da wackeln die Wände, so daß der Pastor schon mal etwas beunruhigt wirkt. 

Hose ohne Bein?

 

Wir sind in einem vegetarischen Restaurant verabredet. Billie ist überzeugte Tierschützerin und somit kommt ihr natürlich kein Fleisch auf den Teller. Richtig so!

Das Handy klingelt. Es stehen Termine an, um das Foto-Shooting für das Albumcover vorzubereiten. Zunächst geht es zu "RABOTI", der Werkstatt von Gewandmeisterin Ute Dobnig. Hier wird Billie ihr neues Outfit auf den Leib geschneidert.  Überall liegen Ballen der verschiedensten Stoffe. Wir werfen einen Blick in den Showroom. Es gibt nichts, was der Schneiderin, die viel für Filmproduktionen arbeitet,  kreative Grenzen zu setzen scheint. Jede Menge originelle und geschmackvolle Modelle, alles hochwertig handgearbeitet. Ihre Kreation 'Dirndl im Military-Look', war der Hingucker der letzten Szene-Party.  Für Billie hat sie eine Kombination in Gold angefertigt, die Jacke mit aufwendig gearbeiteten Applikationen. Beim Blick in den Spiegel, kommt Billie die Idee, einfach ein Hosenbein abzuschneiden. Nein, das Bein bleibt dran. Besser so!

 

Kostümprobe bei 'RABOTI'

Photo: Jerry Jenkins

Nach der Kostümprobe besichtigen  wir die Location für das Foto-Shooting. Immer wieder angezogen  vom Hamburger Kiez hatte Billie schon für das stimmungsvolle Video 'Imitation of Life' die Reeperbahn als Drehort gewählt. Für das Albumcover soll nun das Schaufenster einer Peepshow die passende Kulisse abgeben. Die Betreiber lassen sich sowas teuer bezahlen. Die Fotos fürs Cover sind dann letztendlich in der Tristesse eines weißgkachelten Toilettenraum entstanden, Billie angekettet und in Gold.

Als wir in Billie's Wohnung am Hamburger Hafen ankommen, wird sie schon von ihren über alles geliebten Katern Mikesch und Seemann erwartet. 

 

Wenn Sie mehr über Billies Musik und ihr neues Album wissen möchten, sollten Sie nachfolgendes Interview lesen. Wenn Sie etwas über die Skandalnudel Billie und die neuesten Gerüchte  erfahren möchten, z.B. was neulich nach mehreren Frozen Margaritas auf der Reeperbahn geschah,  wie sie die Tanzfläche in Tina-Turner-auf-Speed Manier leerfegte, oder welche Tattoos sie sich hat machen lassen, dann lesen Sie auf Billie's offizieller Seite: "Zehn Dinge, die Sie ganz bestimmt nicht über Billie Ray Martin wissen wollen,  aber auf denen wir wie immer bestehen, sie Ihnen zu erzählen". Und wenn Sie die empfindsame, sehnsuchtsvolle  und verletzbare Billie kennenlernen möchten, hören sie ihre Songs. Da, und nur da, läßt sie Sie wirklich ganz nah an sich heran.

Jerry Jenkins

     

 

 

       Billie in jungen Jahren als Beat-Girl

      Photo: Billie's Grandmother

 

Die bunte Welt: "Einige Songs Deines neuen Albums hast Du mir ja schon vor einiger Zeit mal in einer anderen Version vorgestellt."

 

Billie: "Das ist 3 Jahre her."

 

Die bunte Welt: "Die Songs sind gewachsen. Wieso hat es so lange gedauert bis zur Veröffentlichung?"

 

Billie: "Weil es in diesem Business solange dauert, bis man irgendwas gebacken kriegt. Punkt, aus, Ende der Geschichte."

 

Die bunte Welt: "Hast Du nicht irgendwann mal die Geduld verloren?"

 

Billie: "Natürlich, die Geduld hab' ich schon vor Jahren verloren. Daß es jetzt geklappt hat war ein netter Zufall."

 

Die bunte Welt: "War die Musik bei der Musikindustrie auf taube Ohren gestoßen?

 

Billie: "Das hört sich jetzt irgendwie komisch an. Aber ich hab' seit 10 Jahren Hits in England, und jeder einzelne Song war auf taube Ohren gestoßen. Und wenn der dann auf einmal in den Top 30, Top 20 oder Top 10 ist, dann heißt es auf einmal: Was für'n toller Song. Es ist nicht so, daß irgendjemand irgendetwas hört, sondern keiner hört irgendetwas. Wenn Du es dann doch irgendwie verwirklicht hast, dann auf einmal ist es akzeptiert, weil es ein Hit ist."

 

Die bunte Welt:  "Die Ideen zu den Komposition sind alle von Dir. Und die Arrangements?"

 

Billie: "Von Felix Huber von der Drum-and-Bass-Dub-Band PLEXIC. Felix kenn' ich erst seit dem Arbeiten an dem neuen Album, vielleicht sechs Monate. Der hat mal für mich Keyboard gespielt bei 'ner Show. Ich hab' mir die Plexic-Platte geben lassen und war total begeistert und fragte ihn dann, ob er die vier Drum and Bass Songs produzieren möchte. Er erwies sich dann als so talentiert, daß ich ihm immer mehr Songs unterjubelte, ohne daß er das gemerkt hat."

 

Die bunte Welt: Die Sachen, die Du jetzt produziert hast, erinnern ja an Memphis Soul und Motown Sound."

 

Billie: "In Memphis hab ich mit der Band aufgenommen im 'House of Blues' Studio, und dann hat Felix die Sachen alle in den Computer gezogen und schwerstens bearbeitet, so daß sich die Kombination ergab aus dem klassischen und dem neuem Sound, dem was uns vorschwebte. Das war ja nicht immer dasselbe, aber wir haben das dann zusammenbekommen. Felix hat mit Soul nichts am Hut und hat es trotzdem soweit gebracht, das Album zu produzieren."

 

Die bunte Welt: "Wie kam es zur Zusammenarbeit mit Ann Peebles (I Can't Stand The Rain), der Ikone des Soul?"

 

Billie: "Das hatte ich schon vor 5 Jahren geplant und alles schon abgecheckt. Ich hatte schon die Research-Arbeit gemacht und brauchte nur noch darauf aufzubauen. Das war natürlich sehr günstig. Ich hab' da an die Türen geklopft und gesagt: Hier bin ich! Bin zu Ann Peebles gegangen, bin von allen mit offenen Armen aufgenommen worden. Die fanden das alle sehr lustig mit meiner Stimme, daß ich so singe wie ich singe."

 

Die bunte Welt: "Viele sind von der Band von Aretha Franklin?"

 

Billie: "Ja, das ist im Moment Aretha's Band, Marvell Thomas, der Sohn von RufusThomas, spielt die Schweineorgel."

 

Die bunte Welt: "Wie kommt eigentlich Deine Verbindung zum Gospel?"

 

Billie: "Keine Ahnung."

 

Die bunte Welt: "Ist es eine Stimme von innen?"

 

Billie: "Ja, aber die ist sicher auch weitergereicht von Generationen vor mir in meiner Familie."

 

Die bunte Welt: "Bist Du religiös? Was bedeutet es für Dich?"

 

Billie: "Also Gospel hat für die meisten Leute, die Gospel singen natürlich was mit Religion zu tun. Für mich hat es aber was mit Druck und Schmerz zu tun. Ich hab es personifiziert, für mich selbst zugeschnitten, was Puristen sicher nicht gefallen würde. Die würden sagen: Wie kannst Du das benutzen für andere Dinge. Aber das ist eben aus mir herausgewachsen. Zu mir hat letztens mal ein Gospelsänger gesagt, er fände das ganz furchtbar, wenn er sich überlegen müßte, daß Gospel was mit Druck und Schmerz zu tun hat. Da hab' ich ihm zehn Gospel-Songs zitiert, z.B. den mit dem Titel 'The Pressure', wo die ganz klar erzählen, was Sache ist. Da wußte er dann auch nichts mehr zu sagen. Viele trauen sich auch heutzutage nicht mehr zu sagen: Ja, das ist aus der ganzen gottverdammten Scheiße enstanden, die wir durchgemacht haben."

 

Die bunte Welt: "Ist es für Dich ein Weg Druck und Schmerz umzuwandeln durch Singen?"

 

Billie: "Nö!

Ja, da gibt`s dann Momente, klar. Vielleicht gab`s einen Moment, wo ich im Studio gestanden hab, nach all den Jahren und endlich diesen Song gesungen hab`, oder so. Aber, mein Gott, das wird den Kohl auch nicht fett machen. Vielleicht, wenn ich den Song jeden Tag irgendwo singen würde, wenn ich auf Tour wäre, vielleicht würde dann einiges passieren."

 

Die bunte Welt:  "Wie sind Deine Pläne?"

 

Billie: "Ehrlich gesagt, wenn ich Kohle hätte würde ich gar nichts mehr machen. Ich hätte dann ein Haus mit Elbblick, viele Katzen und Hunde und Pferde (lacht). Ich bräuchte gar nicht viel Platz. So das, was man halt für Katzen, Hunde und Pferde braucht.

Leider sind wir alle noch in diesen Überlebenskampf verstrickt, man verbringt halt seinen Tag damit irgendwie zu sehen, wie verdiene ich Geld. Ich seh' es um mich herum, daß Freunde und Bekannte keine Zeit haben füreinander.

 

Die bunte Welt: "Wieso bist Du nach London und New York wieder zurückgekehrt nach Hamburg?"

 

Billie: "Ich mußte in meine Heimat. Ich bin jetzt zuhause. Voher war ich's überhaupt nicht. Den ganzen Tag rieche ich Elbe, Öl, Schiffe, Wasser und den Kaffee aus der Speicherstadt, höre Seemöwen und bin mir die ganze Zeit bewußt, daß ich zuhause angekommen bin. Das ist das, was ich brauchte, und scheinbar hat es auch in sofern funktioniert, daß ich ein Album gemacht habe, welches ich wirklich machen wollte, und welches mir in den Jahren davor so schwergefallen war,  umzusetzen. Eigentlich ist das ja ideal so...sollte man meinen...theoretisch..."

 

 

Album: '18 Carat Garbage'

Singleauskopplung im April 2001: 'I've Never Been To Memphis'

 weitere Infos unter www.billieraymartin.com

 

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